Als im Oktober die Äpfel reif wurden, holte Herr Böse mitten in der Nacht seine Leiter aus dem Keller und stieg heimlich und leise-leise auf den Baum und pflückte alle Äpfel. Als Herr Streit am nächsten Tag ernten wollte, war kein einziger Apfel mehr am Baum. «Warte!», sagte Herr Streit, «dir werd’ ich’s heimzahlen.» Und im nächsten Jahr pflückte Herr Streit die Äpfel schon im September, obwohl sie noch gar nicht reif waren. «Warte!», sagte Herr Böse, «dir werd’ ich’s heimzahlen.» Und im nächsten Jahr pflückte Herr Böse die Äpfel schon im August, obwohl sie noch ganz grün und hart waren. «Warte!», sagte Herr Streit, «dir werd’ ich’s heimzahlen.» Und im nächsten Jahr pflückte Herr Streit die Äpfel schon im Juli, obwohl sie noch ganz grün und hart und soo klein waren. «Warte!», sagte Herr Böse, «dir werd’ ich’s heimzahlen.» Und im nächsten Jahr pflückte Herr Böse die Äpfel schon im Juni, obwohl sie noch so klein wie Rosinen waren. «Warte!», sagte Herr Streit, «dir werd’ ich’s heimzahlen.» Und im nächsten Jahr schlug Herr Streit im Mai alle Blüten ab, sodass der Baum überhaupt keine Früchte mehr trug. «Warte!», sagte Herr Böse, «dir werd’ ich’s heimzahlen.» Und im nächsten Jahr im April schlug Herr Böse den Baum mit einer Axt um. «So», sagte Herr Böse, «jetzt hat Herr Streit seine Strafe.» Von da ab trafen sie sich häufiger im Laden beim Äpfelkaufen. Heinrich Hannover. Quelle: foermig.uni-hamburg
Es war Weihnacht. Ich ging über die weite Ebene. Der Schnee war wie Glas. Es war kalt. Die Luft war tot. Keine Bewegung, kein Ton. Der Horizont war rund. Der Himmel schwarz. Die Sterne gestorben. Der Mond gestern zu Grabe getragen. Die Sonne nicht aufgegangen. Ich schrie. Ich hörte mich nicht. Ich schrie wieder. Ich sah einen Körper auf dem Schnee liegen. Es war das Christkind. Die Glieder weiß und starr. Der Heiligenschein eine gelbe gefrorene Scheibe. Ich nahm das Kind in die Hände. Ich bewegte seine Arme auf und ab. Ich öffnete seine Lider. Es hatte keine Augen. Ich hatte Hunger. Ich aß den Heiligenschein. Er schmeckte wie altes Brot. Ich biß ihm den Kopf ab. Alter Marzipan. Ich ging weiter.
(Friedrich Dürrenmatt. 1942 geschrieben. Quelle : xlibris)
Es lebte im alten China zur Zeit der Thangdynastie, die in große und gefährliche Kriege gegen ihre Nachbarn verwickelt war, ein Narr; der wagte es eines Tages, sich den Zopf abzuschneiden und also durch die Straßen von Peking zu marschieren. Der Wagemut dieses Unternehmens verblüffte die gelbmäntlichen Soldaten des Kaisers derart, daß sie ihn für einen Irren hielten und unbehindert passieren ließen. Er wanderte durch Peking – über Land – immer ohne Zopf – und gelangte über die Grenze nach einem Lande, das sich in den Thangkriegen für neutral erklärt hatte. Von dort richtete er schön auf Seidenpapier und anmutig und bilderreich stilisiert einen Brief an den Kaiser Thang, in dem er mit jugendlicher Freiheit zu sagen wagte, was eigentlich alle dachten, aber niemand sagte, nämlich: er, der Kaiser, möge doch sich zuerst den veralteten Zopf abschneiden und so seinen Landeskindern (nicht: Untertanen – denn untertan sei man den Göttern oder Buddha) mit erhabenem Beispiel vorangehen und der neuen Zeit ein leuchtendes Symbol geben. Es sei eines großen und überaus mächtigen Reiches nicht würdig, nach außen so stark, nach innen so schwach zu sein.
Der Narr rezitierte diesen Brief, von Reiswein und edler Gesinnung trunken, seinen Freunden eines Sonn-Abends, worauf er ihn mit einem reitenden Boten nach Peking sandte. Die Ratgeber des Kaisers gerieten in große Bestürzung. Sie enthielten dem Sohn des Himmels das Schreiben des Narren vor und verboten bei Todesstrafe, die darin enthaltenen Ideen ruchbar werden zu lassen.
Der Narr liebte sein Vaterland sehr. Die Liebe zu ihm hatte ihm den Pinsel zum Brief in die Hand gedrückt und das Kästchen mit schwarzer Tusche. Aber seine wahrhaft unschuldig getane Tat wurde ihm von allen Seiten falsch gedeutet. Die Denunzianten bemächtigten sich seiner, während er fern der Heimat weilte, und beschuldigten ihn bei den Behörden des Kaisers des Vaterlandsverrates und der Majestätsbeleidigung. Ja, sie gingen so weit, zu behaupten, er habe den Brief im Auftrag der Feinde geschrieben und stehe im Dienste der mongolischen Entente. Andere wieder verdächtigten sein chinesisches Blut und schimpften ihn einen krummnäsigen Koreaner.
Der Narr wagte eine heimliche Fahrt in die Heimat und erfuhr zu seinem Entsetzen, was über ihn gesprochen und geglaubt wurde. Er, der in der Ferne nur seinen blumenhaften Träumen gelebt hatte, wurde beschuldigt, Flugblätter über die Grenze an die Soldaten des Kaisers gesandt zu haben, die dazu aufforderten, das Reich dem Feinde preiszugeben. Der Narr geriet in Bestürzung und Tränen. Er zog sich wie eine Schnecke ganz in sich selbst zurück, mißtraute auch seinen wenigen Freunden und reiste heimlich, wie er gekommen war, ins fremde Land zurück. Er dankte es der Gnade der Götter, daß er die Grenze noch passierte, denn die Häscher des Kaisers waren auf ihn aufmerksam geworden. Reiter jagten hinter ihm her. Ein plötzlich einsetzender Platzregen hinderte sie am Vorwärtskommen. Beauftragt, den Narren nach der nordchinesischen Festung Rü-S-Trin zu bringen, erreichten sie eine halbe Stunde zu spät die Grenzpfähle.
Dem Kaiser hing der antiquierte Zopf noch lange hinten herunter. Er wußte nichts von dem Narren und seinem Brief und ließ das Schwert und nicht den Geist regieren. Der Narr lebte fürder einsam an einem melancholischen See.
Er blickte, das Haupt auf das Kinn gestützt, auf die grünen Palmen und die violetten Berge. Die Möwen kreuzten kreischend über ihm. Sein Herz suchte in manchen Nächten das Herz des Kaisers. Auch der Kaiser spürte auf seinem goldenen Thron zuweilen ein sonderbares Sehnen: er wußte nicht, wonach ... Er neigte das Haupt in die Hand, der Zopf zitterte, und er dachte angestrengt nach ... Aber die Herzen des Narren und des Kaisers fanden sich nicht. Ein Gebirge erhob sich steil und felsig, baum- und weglos zwischen ihnen, und wenn sie nicht gestorben sind, so leben sie heute noch ..."
(aus dem Roman "Bracke" von Klabund. 1918 erschienen Quelle: gutenberg.spiegel.de)
Es war sehr früh am Morgen, die Straßen rein und leer, ich ging zum Bahnhof. Als ich eine Turmuhr mit meiner Uhr verglich, sah ich, daß es schon viel später war, als ich geglaubt hatte, ich mußte mich sehr beeilen, der Schrecken über diese Entdeckung ließ mich im Weg unsicher werden, ich kannte mich in dieser Stadt noch nicht sehr gut aus, glücklicherweise war ein Schutzmann in der Nähe, ich lief zu ihm und fragte ihn atemlos nach dem Weg. Er lächelte und sagte: »Von mir willst du den Weg erfahren?« »Ja«, sagte ich, »da ich ihn selbst nicht finden kann.« »Gibs auf, gibs auf«, sagte er und wandte sich mit einem großen Schwunge ab, so wie Leute, die mit ihrem Lachen allein sein wollen." (Vermutlich zwischen Mitte November und Mitte Dezember 1922, von Max Brod mit dem Titel Gib's auf" veröffentlicht)
Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen wurde um 1622 in Gelnhausen (Hessen) geboren. Er war Sohn eines protestantischen Gastwirts. Während des Dreißigjährigen Kriegs (1618-1648) wurde er 1635 Soldat in der kaiserlichen Armee. Er erlebte viele Abenteuer in verschiedenen Gegenden des deutschen Reiches. Er schrieb den Roman "Der Abentheuerliche Simplicissimus Teusch" (1668), "den ersten deutschen Prosaroman von Weltgeltung." (Gutenberg-Spiegel) Grimmelshausen >> Gutenberg/Spiegel Der Abentheuerliche Simplicissimus Teusch (Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel)>> Erste Ausgabe
Helmut Schmidt ist am 10. November gestorben. Er war ein deutscher Politiker der SPD und fünfter Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland zwischen 1974 und 1982. Von 1983 bis zu seinem Tod war er Herausgeber der Wochenzeitung ZEIT. Lebendiges Museum Online (Lemo-DHM) >> Biografie Bundeskanzleramt (Helmut Schmidt 1974-1982) >> Information zur Amtszei Theo Sommer (ZEIT Online) >> Ein Leben für Deutschland
Schlussakte von Helsinki (Bundeszentrale für politische Bildung>> 40 Jahre KSZE Tendezwende Anfang der Siebziger Jahre (Bundeszentrale für politische Bildung) >> Deutsche Innenpolitik Erster autofreier Sonntag in Deutschland (Bundeszentrale für politische Bildung) >> Ölkrise
pablo cabezón gimón - deutsch / página del profesor de alemán de la escuela oficial de idiomas de laredo // Perfil en LinkedIn : Pablo Cabezón Gimón // autor der bilder // autor de todas las fotos del blog